Yitzhak Yedids Kompositionen begeistern durch mitreißende Klangdynamik.

 

Mit dem Titel 'Angels‘ Revolt' gibt Yitzhak Yedid (Jahrgang 1971) einen narrativen Rahmen als roten Faden für seine hochkomplexen multikulturellen Kompositionen vor. Auf seiner neuen CD präsentiert er vier selbstständige Werke, die er 2016 und 2017 komponierte und die live aufgenommen wurden. Es sind durch und durch sehr ernste, bedrückende, spannungsgeladene Werke, Kampfgefechte, niedergesäbelte Klangrevolten als Ausdruck heutiger Kriegsrealitäten, die Raum für unterschiedliche Interpretationen geben. Gerade die Ungewissheit, wie die Zuhörer darauf reagieren werden, löst, so Yedid, in Kombination mit seinem Enthusiasmus beim Komponieren bei ihm ‚elektrifizierende Energien‘ aus.

Der israelisch-australische Komponist und Konzertpianist gilt als einer der weltweit führenden Komponisten. In seinen multikulturellen Kompositionen auf der Grundlage westlicher Avantgarde, Free Jazz und postmoderner Klassik, mit arabischen Musiksystemen unterschiedlicher Genres und arabisch geprägter jüdischer Musik versetzt, entwickelt er einen ganz individuellen Kompositionsstil. Wie er komponiert, hat sehr viel mit seinen multikulturellen Wurzeln zu tun. 1971 als Sohn einer irakisch-jüdischen Mutter und eines syrisch-jüdischen Vaters in Jerusalem geboren, mit Musikstudium in den USA und späteren Wohnorten in Australien, wuchs Yedid im Schnittpunkt unterschiedlichster Kulturen auf, wobei die westliche Kultur musikalisch überwiegt, die arabischen und jüdischen Rhythmen als emotionalisierende Klangelemente wirken.

Explosiv und mitreißend

So oszilliert Yedid in jedem Stück zwischen den Kulturen, ihren speziellen Instrumenten und Klangmustern. Traditionelle arabische Harmonien und Klezmermelodien durchkreuzen Free-Jazz-artige Tongewitter. Mittendrin erklingen europäisch klassische Improvisationen, werden Bach und Béla Bartók hörbar. Yedid vermischt sie nicht, sondern lässt sie plötzlich auftauchen, kollidieren, genauso überraschend verschwinden. So wirken sie in den westlich geprägten Klanggefechten durch ihre tänzerische Rhythmik Frieden stiftend. Diese Kontraste sind bei jeder Komposition vom ersten Ton an überaus explosiv und mitreißend. Das Orchesterstück 'Kiddushim Ve‘ Killulim' ('Segen und Fluch') kreist um den Tempelberg von Jerusalem, uraufgeführt vom Israel Netanya Kibbutz Chamber Orchestra unter der Leitung von Christian Lindberg. Hier prallen die Kulturkreise mit infernalischer Gewalt aufeinander. 

Wie Balsam wirkt darauf 'Chat Gadya' ('Die kleine Ziege'), ein Stück für Klarinette, Violine, Cello und Klavier nach einem jüdischen Kinderlied. Es ist das lyrischste Stück und mit über 14 Minuten das längste auf dieser CD. Yedid komponierte das Quartett als Auftragsarbeit anlässlich des 10-jährigen Bestehens des Stradbroke Island Chamber Music Festival und konzipierte es, inspiriert von der schönen Natur der Insel, als Anti-Kriegsmusik im Gedenken an die tragischen Kriegswirren in der Welt. Kurze Motive zwischen 12/8- und 11/8-Takt alternierend, von äußerst filigranen Tongeweben und sonoren Tönen umspielt, werden von immer aggressiveren Tonstürmen attackiert, die sich plötzlich beruhigen, einer Trauermarschrhythmik Raum geben. Hier haben rasende Klezmermelodien am Schluss das Sagen und beweisen einmal mehr die positive Energie traditioneller Harmonien und Rhythmen.

Psychogramm einer Schreckenszeit

 

Noch ergreifender ist Yedids 'Konzert für Piano und Streichers', das er 2016 vor dem Hintergrund des syrischen Krieges komponierte. In drei Teilen steigert er apokalyptische Szenarien als nicht enden wollendes, immer wieder neu aufflammendes Klanggewitter. Aus dem Kontrast einer Bach-ähnlichen Melodie und wuchtigen Klavierakkorden in der Tiefe entwickelt Yedid eine explodierende, zutiefst berührende Klangwelt. Der erste Teil beginnt ganz ruhig mit einzelnen Töne, kontrastiert mit dunklen Glockentönen, die bedrückende Bilder nach der geschlagenen Schlacht heraufbeschwören und durch schrille, knatternde, flirrende, eiskalte einzelne Tonlinien wie ein Requiem auf das vorausgegangene Massaker wirken. Klaviermelodien suchen ihren Weg, doch helles Flirren, dumpfes Donnern, heftigste Akkorde, lokomotivartige Rhythmen zerschmettern immer wieder beginnende Harmonien, verdichten sich zum Klanggewitter, zum Psychogramm einer Schreckenszeit. Im zweiten und dritten Teil wird werden die dynamischen und tonalen Kontraste noch intensiver. Orientalische Harmonien tauchen auf, werden regelrecht tonal zerschmettert. Surren und Pochen erzählen vom scheinbaren Innehalten, doch säbelnde, wetzende Tonfronten marschieren auf. Das Stück endet, wie es begann, mit Glockentönen des Todes.

 

In leidenschaftlicher Rhythmik im Stil von Olivier Messiaen mit extrem vielen Tremoli zündet das Klavierstück 'Angels‘ Revolt'. Yedid komponierte es für den renommierten Lev Vlassenko Klavierwettbewerb, inspiriert von der arabischen Santur. Unter den Händen Rachael Shipard entsteht ein narratives, tonal hochkomplexes Feuerwerk mit gigantischen Läufen der Rechten und wuchtigen Akkorden der Linken, rasanten Tempi, abrupten Wendungen und meditativem Verharren. Über dem Reich der Tiefe tobt die Rebellion in den hohen Tonregionen, beruhigt sich transzendierend im Mittelteil, wobei das Brodeln der Tiefe nur noch ganz subtil zu hören ist, anschwillt und mit unglaublicher Geschwindigkeit über die ganze Tonskala jagend endet. Diese CD ist ein energetisches Ereignis.